Das Rad mit der Spindel

Ein modernes Spinnrad hat gar keine richtige Spindel. Die Spindel, an der sich Dornröschen gestochen hat, war nämlich im Originalmärchen eine Handspindel, die auch wirklich eine Spitze hat.

So erkläre ich das oft Kindern, die bei Mittelalterveranstaltungen staunend neben meinen Rädern stehen und sich schwindelig gucken.

Allerdings ist da noch die Sache mit dem Spindelrad – das hat nämlich tatsächlich doch eine richtige Spindel.

Das Spindelrad kam in unseren Breiten um die Mitte des 13. Jahrhunderts auf. In Asien und den arabischen Ländern war es aber schon viel früher bekannt und wurde durch die Kreuzzüge und den damit entstehenden Kontakt mit der arabischen Welt auch in Europa “entdeckt”. Hier mal ein Bild aus einer englischen Handschrift des 14. Jahrhunderts:

Mein Spindelrad ist ein Nachbau von einem sehr talentierten Bekannten (Gero, ich danke Dir immer noch!) und orientiert sich an solchen historischen Abbildungen. Das Schwungrad ist allerdings viel kleiner und das ganze Gerät kann auseinandergebaut und so gut im Auto zu den Veranstaltungen transportiert werden. Sozusagen mein persönliches Zugeständnis an die Moderne 🙂

Die Spinntechnik am Spindelrad ist eine andere als mit Handspindel oder Flügelspinnrad. Es hat keine Fußpedale, deshalb muss immer eine Hand das Schwungrad drehen. Wer schonmal mit einer indischen Charkha gesponnen hat, kennt das. Wie bei einem modernen Rad treibt dann der Treibriemen (deshalb heißt er ja so…) den Wirtel an, an dem die Spindel befestigt wird. Je größer das Größenverhältnis zwischen Schwungrad und Wirtel ist, desto höher ist logischerweise die Übersetzung. Bei meinem kleinen Rädchen dreht man sich leider oft einen Wolf 😀

Weil eine Hand “am Rad dreht”, hat man auch nur eine Hand zum Ausziehen der Fasern frei. Langer Auszug für Geübte! Am besten funktioniert das mit lockeren, handkardierten Fasern, die sich leicht voneinander lösen. Spindeln aus dem Kammzug ist seeehr schwierig und ist mir bisher noch nicht wirklich gelungen.

Der Faden wird auf Spannung und in einem 45°-Winkel zur Spindel gehalten. Dadurch rutscht er bei jeder Drehung ein bisschen über die Spitze ab und es entsteht Drall. Wenn der Arm zu kurz wird, wird der Faden wie bei der Handspindel aufgewickelt. Ohne den Spinnflügel passiert das nicht automatisch wie bei einem modernen Rad.

Historisch gesehen wurde vor allem für die Weberei gesponnen, oft auch ohne zu verzwirnen, denn Stricken war im 13. Jahrhundert noch nicht bekannt. Damit die Fäden stabil genug zum Weben waren, musste da schon ordentlich Drall her.

Die Fäden auf meinem Spindelrad werden dagegen meistens eher ungleichmäßig und haben tendentiell zu wenig Drall aufgrund der niedrigen Übersetzung. Hat aber sicher auch etwas mit mangelnder Übung und Geduld zu tun. Dafür sind sie luftig-locker, typisch für den langen Auszug. Und ICH kann ja schließlich auch ganz entspannt damit stricken 😉

 

P.S.: Wer mehr über’s Spinnen und sonstige Leben im 13. Jahrhundert erfahren möchte, klickt mal hier!

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